Der Glöckner von Notre Dame – das Musical

Bereits seit 1999 schwingt sich Quasimodo auf deutschen Musicalbühnen durch das Dachgebälk von Notre Dame. Das Stück basiert auf der Grundlage des drei Jahre zuvor erschienenen Disneyfilms und des Romans Victor Hugos von 1831. 2017 feierte Der Glöckner von Notre Dame mit verändertem Bühnenbild ein Revival und begeisterte bisher Berlin und München. Seit dem 18. Februar beherbergt das Stuttgarter SI-Centrum das Ensemble um den Glöckner, Claude Frollo, Zigeunerin Esmeralda und Hauptmann Phoebus.

Die Findelkinder Claude und Jehan Frollo werden in Notre Dame aufgenommen und aufgezogen. Der fromme Claude steigt schnell in der Kirchenhierarchie auf während sein Bruder das Dasein eines Lebemanns bevorzugt und sich allabendlich in Kneipen mit Zigeunern herumtreibt. Claude sieht das fahrende Volk als größtes Übel an und verrät seinen Bruder eines Tages, weshalb dieser aus der Kathedrale verstoßen wird und zukünftig zusammen mit einer Zigeunerin durch Frankreich zieht. Aus der Beziehung der beiden entsteht ein Kind, welches Claude Frollo nur widerwillig aufnimmt – es sieht so furchtbar aus, dass er es Quasimodo (der Missgestaltete) nennt und im Glockenturm vor den Menschen versteckt. Jahre später ist der einzige Wunsch des Glöckners, am Fest der Narren teilzunehmen, um sich einmal unter das Volk zu mischen. Dabei trifft er Esmeralda, die Zigeunerin und das Unglück nimmt seinen Lauf, denn nicht nur er verliebt sich in die schöne Frau, sondern auch der frisch ernannte Hauptmann Phoebus und auch Claude Frollos Keuchheitsgelübde wird auf eine harte Probe gestellt …

Gesangliche und schauspielerische Höchstleistung

Das Leben eines Musicaldarstellers ist um einiges vielfältiger als das eines Schauspielers. Singen, Tanzen, die Darstellung verschiedener Rollen – das erfordert so einiges. Die Besetzung von Der Glöckner von Notre Dame braucht sich da definitiv nicht zu verstecken. David Jakobs (Les Misérables, Das Wunder von Bern) spielt von Beginn des Revivals an die Hauptrolle des Quasimodo und überzeugt mit seiner Darstellung von Bewegungsmustern, dem leichten Dialekt und ist in der Lage, seiner Rolle auch nach negativen Erlebnissen noch eine zarte Seite abzugewinnen. Ebenfalls zur Stammbesetzung gehört Felix Martin (Tanz der Vampire) als Claude Frollo, dem man den Zwiespalt zwischen ehrgeizigem Zigeunervertreibungsvorhaben und der Sehnsucht nach Esmeralda zu jeder Zeit abnimmt. Diese Versuchung wird nicht wie in Berlin von Sarah Bowden (West Side Story, Cats), sondern von Mercedesz Csampai (Das Phantom der Oper) verkörpert. Hört man sich die Live-Aufnahmen aus dem “Theater des Westens” an, dann bedauert man diesen Wechsel, denn sie ist die Einzige, die gesanglich und schauspielerisch etwas blass wirkt. Doch sonst bieten alle Darsteller eine ausgezeichnete Darbietung. Unterstützt werden sie vom Chorensemble, das zwischen Solo- und Tuttieinlagen wechselt. Nur einmal bekommt man Gänsehaut, wenn alle außer Quasimodo, Frollo und Phoebus singend den Namen “Esmeralda” flüstern. Das weckt unangenehme Erinnerungen an die Flüsterattentäter in Assassin’s Creed: Rogue.

Interaktiver Bühnenspielplatz

Originaltitel The Hunchback of Notre Dame
Uraufführung 5. Juni 1999
Land Deutschland (“Theater am Potsdamer Platz”)
Musik Alan Menken, Stephen Schwartz
Cast Quasimodo: David Jakobs
Esmeralda: Mercedesz Csampai
Erzdiakon Claude Frollo: Felix Martin
Hauptmann Phoebus de Martin: Maximilian Mann
Clopin Trouillefou: Gavin Turnbull
Lieutnant Federic Charlus: Milan van Waardenburg
Spielzeit ca. 140 Minuten in zwei Akten

Geschickt wird das Bühnenbild für die Handlung genutzt. Größere Umbauarbeiten gibt es nicht, aber durch das Herablassen von Glocken, Öffnen von Bodenluken oder dem Lichtspiel von Kirchenfenstern auf dem Boden werden glaubhaft immer wieder neue Räumlichkeiten dargestellt. Da werden Mönche in grauen Kutten zu Wasserspeiern, Kirchenbänke zu Schankraumtischen oder Absperrungen des Kirchenraums zur Balustrade Notre Dames und das ganze Set ist so verwinkelt wie manches Level bei Dark Souls. Auch die Kostüme sind immer griffbereit, wenn ein Darsteller seine Kutte abwirft und darunter die Kleidung eines Spielmanns oder Soldaten offenbart. Ein lilaner Samtmantel mit Krone lässt einen Zigeuner zu einem König werden, der einen kleinen politischen Seitenhieb einbaut, indem er auf Frollos Bitte, ihm schnell Befugnisse zur Hetzjagd gegen Esmeralda auszustellen, damit antwortet, dass er gern erst einmal abwarten würde – und dabei seine Hände zur Merkel-Raute vor seinem Körper zusammenlegt.

Musikalischer Hintergrund

Alan Menken und Stephen Schwartz schrieben bereits die Musik für die erste Musicalversion des Glöckners. Menken gewann acht Oscars für die musikalische Untermalung von Disneyfilmen wie zum Beispiel Die Schöne und das Biest (1991), Aladdin (1992) und gemeinsam mit Stephen Schwartz erreichte er eine Oscar- und Golden Globe-Nominierung für Der Glöckner von Notre Dame. In Deutschland ist Stephen Schwartz am bekanntesten für seine Musik und seine Texte zu Wicked – Die Hexen von Oz, außerdem schrieb er die Texte für die Disneyproduktionen Pocahontas und Verwünscht, deren Musik von Alan Menken stammt.

Unterschiede zum Disneyfilm

Der Glöckner von Notre Dame beruht auf dem gleichnamigen Disneyklassiker, welcher der 34. Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios ist. Obwohl man Bedenken hatte, dass der Film kindgerecht sei, wurde er ein Erfolg und spielte weltweit 325 Millionen US-Dollar ein. Anders als im Revival von 2017 sind dort Quasimodos Eltern zwei Zigeuner. Frollo jagt die Zigeunerfrau, da er denkt, sie flüchte aufgrund von Diebesgut. Am Ende der Verfolgung ist Quasimodos Mutter tot und dass ihn dasselbe Schicksal ereilt wird nur durch den damaligen Erzdiakon verhindert, der den Mörder Frollo damit bestraft, das verunstaltete Kind aufzuziehen. Dieses hört Jahre später nicht die Geschichte von Sankt Aphrodisius – die Aussprache des Namens bereitet Quasimodo Schwierigkeiten, was Frollo darin bestätigt, dass der junge Mann zurückgeblieben ist – sondern lernt das Alphabet mit so fröhlichen Begriffen wie Düsternis, Ewige Düsternis und Fegefeuer. Im Film erschrickt Esmeralda nicht beim ersten Anblick des Glöckners, jedoch denkt sie zu dem Zeitpunkt auch noch, dass er eine Maske trägt. Quasimodo bekommt den Anhänger, der ihn zum Hof der Wunder bringt erst nach der Verletzung des Hauptmanns Phoebus. Das Ende im Musical ist viel düsterer als im Disneyfilm: Esmeralda stirbt trotz ihrer Rettung, was für den Glöckner den endgültigen Ausschlag zum Mord an seinem Meister Frollo gibt.

Viele der Lieder des Disneyfilms wurden ins Musical übernommen, doch im Revival wird mehr Wert auf die christliche Rolle Frollos gelegt und auch einige Handlungselemente unterscheiden sich, was neue Texte erforderte. Übrigens: Die Ziege wurde für das Musical komplett entfernt, was der Geschichte keinen Abbruch tut und das Stück nicht ins Lächerliche (verkleidete Darsteller) oder Tierquälerische (echte Ziege) zieht.

Ich bin nur durch Zufall zu einer Premierenkarte gekommen – eine Freundin musste das Krankenbett hüten und ich durfte sie vertreten. Den Disneyfilm, auf den das Musical basiert, habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen und so ging ich mit einem schwammigen Vorwissen in die Vorstellung. Doch schnell waren ich und eine andere Freundin von dem ganzen Set, dem Aufbau des Stückes, der Darsteller und der Musik begeistert. Wenn der ganze Chor seine Stimme erhebt und die Hauptdarsteller ein Solo singen, bekommt man Gänsehaut. Begeistert bin ich davon, wie das Problem des Bühnenbildes gelöst wurde. Wirklich niemand ist sich zu schade, beim Umbau behilflich zu sein und dafür reicht manchmal schon das Verstellen von ein paar Bänken oder der Umplatzierung einer Treppe. Die Musik bietet viel Ohrwurmpotential, weshalb ich momentan auf der Arbeit etwas beschwingt im Takt der Lieder durch die Bücherreihen schlendere. Spätestens am Ende der Vorstellung stand für mich fest, dass ich dieses Musical ein weiteres Mal sehen will.

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MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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