ES

Mit Pennywise erschuf King ein Monster, das seit 1986 die Leute in Angst und Schrecken hält. Kein Wunder, dass nach all den Jahren Kings wohl bekanntester Roman 2017 eine erneute Umsetzung spendiert bekommen hat. Was ist dran an dem Buch, dass es auch heute noch so viel gelesen wird?

     

Als Bill Denbrough 1957 für seinen kleinen Bruder Georgie ein Papierboot baute, konnte er nicht ahnen, dass er ihn damit ins Verderben schickte. Das Papierboot führte Georgie nämlich direkt in die Fänge von Pennywise, einem Monster, das die Kleinstadt Derry schon sehr lange sein zu Hause nennt. Doch womit dieses Wesen nicht gerechnet hat, ist, dass es sich an dem falschen Kind vergreifen konnte.  Im Jahre 1985 erhalten sieben Erwachsene einen Anruf aus ihrer alten Heimat Derry. Mike Hanlon, der Bibliothekar der Stadt, ruft seine damaligen Freunde aus Kindertagen an, um ihnen mitzuteilen, dass Pennywise wieder da ist. Er bittet sie zurückzukommen, denn nur gemeinsam können sie das Monster aufhalten. Doch dem Anruf folgen nur sechs seiner Freunde. Stan Uris nimmt sich in seinem Haus in der Badewanne das Leben. Er konnte es  nicht verkraften, ein weiteres Mal in den Kampf zu ziehen. Als die anderen Freunde von seinem Tod erfahren, ist es bereits zu spät: Sie sind alle schon wieder in Derry angekommen und versuchen sich an die Ereignisse aus ihrer Kindheit zu erinnern. Doch aus irgendeinem Grund scheinen sie alle nur noch Bruchstücke zu wissen. Vor allem fehlt ihnen die Erinnerung daran, wie sie damals gegen Pennywise gewonnen haben. Sie beschließen daher, jeder für sich, sich in der Stadt umzuschauen und so Erinnerungen hoch zu holen. Nach und nach kommen die Erinnerungen zurück und so fällt ihnen auch ein, wie sie sich alle kennen gelernt haben. Pennywise bleibt zur gleichen Zeit nicht untätig. Er plant seine Rache an den ehemaligen Kindern, die ihm so zugesetzt haben und diesmal werden sie richtig leiden!

Die Sieben Samurai für die Kleinstadt Derry

Die Geschichte von ES ist nicht nur die Geschichte eines Monsters! Es ist die Geschichte von sieben Kindern, die den Club der Verlierer gründeten. Den Namen wählten sie, weil sie es alle nicht leicht im Leben hatten und zu den Außenseitern gehörten: Nach dem Tod von Georgie zerbricht die Familie und Bill leidet nicht nur unter seinem Stottern, sondern viel mehr darunter, wie lieblos seine Eltern mit ihm umgehen. Mike Hanlon ist schwarz und wird dadurch zum Mobbingopfer eines viel älteren und brutaleren Kerls namens Henry Bowers. Auch Stan Uris bekommt seine Abstammung zu spüren, denn seine Familie und er sind Juden. Ben Hanscom ist der dicke schlaue Junge, der seine Zeit alleine in der Bibliothek verbringt, weil er keine Freunde hat. Richie Tozier ist die Brillenschlange mit dem Mundwerk, was schneller arbeitet, als er denken kann. Eddie Kaspbraks Mutter ist so fürsorglich, dass sie gar nicht merkt, dass das Asthma ihres Kinders nur Panikattacken sind. Beverly Marsh, das einzige weibliche Mitglied, leidet unter ihrem brutalen Vater. Diese Kinder sind die Einzigen, die merken, was in Derry vor sich geht: Dass ES sich schon mehrfach Kinder geholt hat und dass das Wesen nicht nur in Form von einem Clown sein Unwesen treibt.

Wie kann man das Böse aufhalten

Originaltitel IT
Ursprungsland USA
Jahr 1986
Typ Roman
Bände 1
Autor Stephen King
Verlag Heyne

Stephen King hat den Roman so aufgebaut, dass wir immer wieder zwischen den Jahren 1957 und 1985 hin und her springen. Wir erfahren durch Rückblicke der erwachsenen Charaktere, was sie als Kinder erlebt haben. Dadurch erleben wir alles aus sechs verschiedenen Blickwinkeln. Das hat zur Folge, dass das Tempo des Romans streckenweise etwas langatmig ist. So dauert es zum Beispiel eine Weile, bis die Figuren sich daran erinnert haben, wie sie zu Freunden geworden sind. Oder wie sie ihre ersten Pläne ausgearbeitet haben, um Pennywise zu vernichten. Auch im Jahre 1985 geht es nicht so schnell voran, denn es dauert auch seine Zeit bis die Charaktere überhaupt in Derry angekommen sind. Während die Geschichte zu Anfang daher viel Aufbau bereithält, macht sich das in den späteren Kapiteln bezahlt. Die Kinder werden so gut vorgestellt, dass man nicht anders kann als sie zu mögen und mit ihnen mitzulachen, mitzuleiden und mitzufiebern. Dadurch, dass der Leser zunächst die erwachsenen Versionen der Figuren kennenlernt bevor die Rückblende in die Kindheit erfolgt, baut er eine ungewöhnliche Beziehung zu Bill und Co. auf. Da Pennywise den Erwachsenen auflauert, ist auch diese Zeitebene spannend gemacht. Allgemein gibt es häufig kleine Spannungsbögen, die nicht immer mit dem Clown zu tun haben. Für die Kinder von damals waren schon ihre Mobbingangriffe ein ernstes Problem und auch die Erwachsenen sind nicht ohne Probleme zurückgekommen.

Kein King-Roman ohne Verknüpfungen zu anderen Werken

Wie immer hat Stephen King einiges an Begriffen und Anspielungen zu seinen anderen Werken miteingearbeitet. Wer also viele King-Romane gelesen hat, wird seinen Spaß haben. Um ein paar Beispiele zu nennen: Dick Halloran, der das Feuer im Black Spot überlebt , wird später Koch im Overlook Hotel (Shining). Oder als Henry Bowers von Pennywise in der Gestalt von Belch Huggins abgeholt wird, fährt dieser ein Auto, das genauso beschrieben wird, wie in Christine. Zu empfehlen ist das Lesen der Dunklen-Turm-Bände. Es gibt ein paar harmlose Verknüpfungen, die man nicht erkennen muss (z.B. gibt es in Derry auch ein Travellers‘ Rest), aber gerade im Finale und bei der Enthüllung der Identität von Pennywise ist es von großem Vorteil, wenn man sich im Universum vom Dunklen Turm auskennt. Als die Kinder ES in seinem Versteck in der Kanalisation finden, bekommen sie Hilfe von einer Schildkröte. Bei diesem Tier handelt es sich um den Balkenwächter Maturin, der den Dunklen Turm beschützt. Die Herkunft von ES wird auch recht kryptisch gehalten, macht aber Sinn, wenn man sich mit den Weltentheorien auskennt. ES ist nämlich eines der Wesen, das aus dem Bereich der Welten kommt, die der Turm abschirmt. Doch da der Turm angegriffen wird, ist er geschwächt und ES landete in dieser Welt.

Nicht gerade das, was man unter „Taschenbuch“ versteht

Die aktuelle Ausgabe vom Heyne Verlag kommt auf stolze 1534 Seiten und ist damit die ungekürzte neu übersetzte Auflage, die es erst seit 2011 in Deutschland gibt. Die Auflagen davor beinhalteteten nur die gekürzte Fassung, daher Achtung beim Kauf. Woher das kommt ist einfach zu erklären: Die erste deutsche Auflage von 1986 erschien beim Edition Phantasia Verlag, der seine Ausgabe vor dem Erscheinen der US Ausgabe herausbrachte und damit die Weltausgabe innehat. Doch da King noch schnelle Änderungen vorgenommen hat bevor die US Ausgabe erschien, sind diese Änderungen nicht in deutscher Fassung enthalten. Die Edition Phantasia wird übrigens in Fachkreisen als „Roter Backstein“ gehandelt und gilt als Sammlerstück, weil die Auflage sehr gering war. ES belegt unter den King-Romanen den zweiten Platz in den Top Ten der längsten Romane dieses Autors (gezählt wurden dabei aber die englischen Seiten).

ES war keine leichte Lektüre, wobei ich das eher auf seine Seitenstärke beziehe. Ich lese vorrangig am Bahngleis und im Zug. Deshalb war es schon ein Kraftakt, das Buch länger in den Händen zu halten. Inhaltlich hat es mich schnell gepackt. Der Aufbau mit den zwei Zeitebenen machte es für mich sehr spannend – auch was zwischenmenschlich – alles passiert ist und noch passieren wird. Um als Beispiel das Liebesdreieck zu nennen: Da Beverly als Kind auf Bill stand, war nicht klar, ob sie als Erwachsene noch immer auf ihn fliegt. Vor allem hat sie noch ihren brutalen Ehemann an der Backe.  Was die Kinder angeht, so habe ich sie alle lieb gewonnen, war ich doch selbst in meiner Jugend eine Außenseiterin. Ich habe keine Probleme mit Clowns, doch wenn Pennywise mir als Kind begegnet wäre, wäre ich für mein Leben traumatisiert gewesen. Dieses Wesen verkörpert einfach das Grauen und man kommt nicht drum herum, sich zu wünschen, dass endlich jemand dieses Monster aufhält. Ich bin nicht sehr leicht zu gruseln, aber ein paar Stellen waren echt nicht ohne, daher gibt es von mir eine klare Leseempfehlung für Horrorfans.

Zweite Meinung:

Passend zur Neuverfilmung wollte ich endlich den Roman lesen. Den Zweiteiler aus den 90ern hatte ich nur noch vage in Erinnerung (bis auf die Kühlschrankszene), weshalb ich relativ unbefangen an das Werk gehen konnte. Man sollte sich nicht durch die dicke des Buches abschrecken lassen; es liest sich zügig und ist spannend. Besonders die Zeitsprünge haben es mir angetan, denn der Autor geht nicht chronologisch vor. Wie Aki schon anmerkte, kann man nicht anders als die Kinder liebzugewinnen. Vor allem, wenn man sich selbst darin wiederfindet. King geizt nicht mit Blut und Gewaltdarstellungen, aber er geht auch auf die Täter ein. Henry Bowers wird nicht nur als Täter dargestellt, sondern auch als Opfer. Mitleid will zwar dennoch nicht wirklich aufkommen, aber zumindest Verständnis. King liefert keine Entschuldigung, vielmehr eine Erklärung. Nur eine Sache, hätte er sich können sparen: den Gruppensex.

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Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen vom Manga Kenshin an Samurais verloren.

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Iruka
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Ich habe den Film gesehen und bin mit sehr weichen Knien wieder raus. Gruselig, wirklich sehr gruselig. Trotzdem, eine gewisse Neugier war schon da: Wie sind die Erwachsenen? Wie werden sie handeln? Wie geht die Geschichte aus? Weil ich ungefähr wissen wollte, worauf ich mich beim zweiten Teil (vielleicht) einlasse, habe ich mir das Buch geschnappt. Es ist dick und es ist sehr schwer. Genau wie Aki lese ich auch mehr am Gleis und in der Bahn, plus etwas Mittagspause. Nach knapp einem Monat, pünktlich zu Halloween, war ich fertig. Zu Beginn war ich etwas irritiert durch den Wechsel zwischen den einzelnen Personen und den Zeitfenstern. Nach einer Weile hatte ich mich eingelesen und ab da lief es gut. Die Kinder werden detailiert beschrieben, sodass ich sie mir gut vorstellen und Sympathie entwickeln konnte. Für meinen Geschmack waren manche Stellen aber etwas arg lang, da hätte ich gerne auf die eine oder andere Zeile/Seite verzichtet. Das erste Finale war zwar gut beschrieben, aber der Film hatte damit wenig gemeinsam. Ich vermute, dass sich diese Änderung auch auf den zweiten Teil auswirken wird.
Grundsätzlich ist das Buch aber so geschrieben, dass es mir nicht nur einmal einen Schauer über den Rücken gejagd hat.