Violet Evergarden (Folge 5)

Worte verbinden. Nicht nur Liebende oder Familien, sondern ganze Völker. Doch so schön und bewundernswert Worte zu diesem Zweck auch sein mögen, welche Bedeutung haben sie, wenn sie nicht das zum Ausdruck bringen, was für einen wirklich von Wert ist? In Folge 5 von Violet Evergarden steht Prinzessin Charlotte aus dem Reich Drossel vor der Heirat mit dem Kronprinzen Damian aus dem Nachbarreich Flügel. Die Heirat gilt als Symbol des Friedens zwischen den ehemals verfeindeten Ländern. Dem Volk soll dies durch öffentliche Briefe der beiden vermittelt werden. Briefe, die Violet nun schreiben soll.

Einige Monate sind vergangen. Hopkins‘ Postunternehmen gedeiht und die Mitarbeiter sind gut beschäftigt. Violet, die nun viele Erfahrungen gesammelt hat, wird ins Reich Drossel geschickt, um die öffentlichen Liebesbriefe von Prinzessin Charlotte zu schreiben. Charlotte, die wie Violet gerade einmal 14 Jahre alt, ist voller Unsicherheit angesichts der Heirat mit dem zehn Jahre älteren Damian und dessen Briefe frustrieren sie jedes Mal aufs Neue. Doch als sie sich Violet an einem emotionalem Tiefpunkt anvertraut, geht es nicht nur um die Ängste, die Heimat alleine zu verlassen.

Du schreibst Briefe, die Menschen verbinden?

Hopkins erwähnt, dass Violet in vergangenen Monaten viele Erfahrungen gesammelt hat, doch sieht man die Zeit tatsächlich vergehen. In der ersten Folge, als Violet den Brief an Gilbert im Krankenhaus schreibt, fliegt ihr Brief davon und weht durch die Welt, u.a. auch am Königsschloss Drossels vorbei. Zu der Zeit sind die Ufer des Schlosses in gelbem Raps getaucht, der typischerweise im April blühen. In der zweiten Folge blühen die Kapzuzinerkressen, die gegen Ende Mai blühen. In der vierten Folge blühen die Schwertlilien, die Blume, die Iris ihnen Namen gab und deren großen Varianten ab Juni blühen. Diese Folge steht unter dem Kamelienbanner Drossels, eine Blume, die im Spätwinter zum Frühjahr ihre Blüten trägt. Als Violet und Cattleya nach getaner Arbeit abfahren, blühen am Straßenrand Kosmeen, Sommerblumen, die ab etwa Juli ihre bunten Blätter aufschlagen. Das bekannte Plüschtier ist von wahllos auf den Boden geworfen auf Violets Tisch gewandert. Viel Zeit ist vergangen, doch erst einmal nicht für den Zuschauer. Nachdem sich die ersten vier Folgen in den ersten drei Monaten von Violets neuem Leben ansiedeln mit entsprechend langsamer Entwicklung ihres Charakters, ist Violets Stand in dieser Folge auf den ersten Blick plötzlich anmutend. Doch gemessen an der Zeit, die für Violet selbst vergangen ist, ist ihr Entwicklungstempo ziemlich konsistent. In knapp einem Monat hat sie Höflichkeitsnormen erlernt. Jetzt, nach knapp einem Jahr und vielen Recherchen in Literatur und Geschichte, kann sie Briefe schreiben auf einem Niveau, dass die Billigung des Hofes genießt. Und nicht nur das, sie hat so viel Menschenkenntnis erlangt, dass sie anhand eines bestimmt-forschen Schreibstils erkennen kann, dass er aus Cattleyas Feder stammt, nicht jede Frage und Aussage wörtlich erwidert und kommentiert, sondern begreift, was die Menschen eigentlich damit bezwecken. Eins fehlte ihr zu Beginn des Auftrages noch: die Fähigkeit, ein brillantes Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern und die Freude für andere Menschen zu verspüren. Doch selbst das schafft sie nun. Das ist noch nicht alles des Spektrums an Emotionen. Was Liebe für sie selbst bedeutet, beginnt sie gerade erst zu erahnen. Frustration und Depression ist ihr immer noch fremd. Dem Ausklang der Folge nach, als Gilberts Bruder Dierthard voller Missbilligung vor ihr tritt, treten nun bald auch diverse dunkle Gefühlsarten in den Vordergrund. Doch so voll Diethards Verachtung für Violet sein mag, in seinem letzten Satz hält selbst er fest, was Violet in der kurzen Zeit zu Wege gebracht hat: Die Verbindung von Menschen. Von zwei Einzelpersonen, aber auch von zwei ganzen Ländern, die ihrerseits ein Symbol sind, für den Frieden zwischen ganzen Völkergruppen.

Die Welt wird weiter ausgebaut

In dieser Folge wird zum ersten mal eine Karte des Kontinents der Welt von Violet Evergarden gezeigt. Visuell scheint sie sehr von den Umrisslinien Australiens inspiriert zu sein. Der Konflikt zwischen Nord und Süd erinnert hingegen an die Zeit des Sezessionskriegs zwischen dem Norden und Süden, der zeitlich ins gleiche Jahrhundert wie das Regime von Queen Victoria fällt. Die einzelnen genannten Länder scheinen weiterhin europäisch geprägt. Im Falle von Flügel und Drossel sind sie wohl ziemlich deutsch oder österreichisch geprägt, was die Namen Alberta, Charlotte und Damian ebenfalls nahelegen. Interessant ist dabei, wie organisch sich das Ganze zusammenfügt. Die politischen Rahmenbedingungen des Landes tangieren das Postunternehmen, weswegen es nicht ungewöhnlich ist, dass Hopkins‘ alte Kontakte im Militär als Informationskanal nutzt. Durch diesen Unterbau bekommt Violets düstere Vergangenheit im Krieg und Militär und auch Gilberts Rolle einen natürlichen Anstoß von großer Bedeutung zu werden, nicht nur, weil sie dem Zuschauer noch offenbart werden muss, sondern weil das, was sie überhaupt erst verursacht hat, noch immer allgegenwärtig ist.

Violet Evergarden, A Silent Voice flavoured

Es gibt vieles, in dem diese Folge brilliert, doch besonders auffallend ist die sehr nuancierte Körpersprache aller Figuren. Das Storyboard der Folge entsprang der Feder von Naoko Yamada, die zuvor den Regieposten für A Silent Voice inne hatte, Ein Film über ein Mädchen, das hörgeschädigt ist, dadurch nie richtig sprechen gelernt hat und sich durch andere Mittel verständlich machen muss. In dieser Folge ist ihre Handschrift deutlich zu erkennen. Selbst ein einfacher Kammerdiener, der mit Alberta einen Blick austauscht, spricht ohne viele Worte aus, wie die Dienerschaft mit Fassung, aber dennoch mit peinlicher Berührung das Verhalten von Prinzessin Charlotte trägt. Im Fokus stehen aber vor allem Charlotte und Alberta. Charlotte als unsichere Heulsuse in jugendlichen Ängsten vor einer unsicheren Zukunft, aber auch als willensstarke Frau, die für ihren eigenen Wunsch arbeitet und zu ihrer Pflicht als Prinzessin steht. Alberta, die zwischen ihren mütterlichen Gefühlen zu Charlotte und ihrer Pflicht als Hofdame des Königshauses steht, die ihre Gefühle nicht offen zeigen darf. Und doch stehlen sie sich heimlich hinaus. Das Zittern ihrer Augen, als sie die Geduld verliert, weil Charlotte im Bett herumlümmelt, anstatt Violet zu empfangen. Das Glänzen in ihren Augen, als sie mit Charlotte und ihrer Frustration mitleidet. Die Erleichterung und der Stolz als Charlotte endlich erwachsen wird und wie sie den Tränen nahe ist, als Charlotte ihre Hand an die Stirn drückt, um auszudrücken, wie nah das Band zwischen ihnen ist. Damian, der nur kurze Auftritte hat, bringt alleine schon durch ein Blinzeln über die zehnjährige Charlotte zum Ausdruck, wie ungewöhnlich dieses Mädchen in ihren adligen Rängen ist. Violets mehrfach glänzende bis leuchtende Augen zeigen, wie sehr die Romanze zwischen Charlotte und Damian emotionale Parallelen zwischen ihr und Gilbert hervorholt. Die Ängste und Sorgen, die Charlotte bei der Ankunft von Damians eigenen Briefen hat, wird sie selbst nie spüren können, da Gilbert keine Briefe mehr schreiben können wird. Aus ihr spricht auch ein wenig Neid. Die Liebe zwischen den beiden trägt Früchte. Etwas, das ihr wohl vorenthalten bleiben wird.

Diese Folge ist in ihrer Machart ein kleines Goldstück. Schon in der letzten Folge war ich angetan davon, wie schnell sich Violet eigentlich entwickelt. Das nun in einem noch fortgeschrittenerem Status bei nicht einmal der Hälfte der Serie zu erleben, ist toll. Der zeitliche Sprung ist dennoch etwas unerwartet groß gewesen, was mir im Nachgang die dritte Folge mit dem Kitschfest um Luculia noch mehr verleidet. Aber zumindest reiht sich das Anreißen des Kriegs und dessen Bedeutung für das Volk gut in diese Folge ein, die all die Briefe nicht nur öffentlich vorliest, sondern auch in Zeitungen abdruckt. Erst sind die Briefe nur diplomatisches unpersönliches Machwerk für den Frieden, um das Volk zu beruhigen, später berührt die Ehrlichkeit der beiden die Herzen ihrer Völker. Das passt gut zu Violets eigentlichem Auftrag: Ihre Aufgabe ist es, sprachlich elegante Briefe zu schreiben. Techniken, die sie sie bei aller Literaturrecherche sicher ohne weiteres gelernt hat. Doch sie tut sich noch schwer damit, Gefühle richtig zu begreifen und ihre eigenen kann sie nach wie vor nicht so richtig benennen. Dennoch gibt sie trotz fehlendem Lächeln bereits eine kompetente, überzeugende Figur in ihrer Arbeit ab. Schade hierbei finde ich, dass die deutsche Vertonung wieder einige Freiheiten walten lässt. So siezt Hopkins Violet aufeinmal, was so wirkt, als habe er sie vollwertig anerkannt und spezifisch für diesen Auftrag ausgesucht. Im Original verniedlicht er Violets Namen nach wie vor. In Tandem mit der davor gehenden Szene bei seinem Militärsbekannten, der erwähnt, dass es im Postunternehmen sehr viel zu tun gibt, legt es eher nahe, das Violet deswegen diesen Auftrag bekommt, weil sie zwar nicht erste Wahl ist (Cattleya ist ja schon bei Damian untergebracht), aber sie neben der aufbrausenden Iris und der schüchternen Erica mit ihrem militärischen Drill und der damit einhergehenden Achtung vor der Hierarchie am ehesten zu einer Arbeit am Hof passt. Beim ersten Treffen zwischen Violet und Charlotte entschuldigt sich Charlotte für ihre unsensible Frage und bittet um Entschuldigung. Im Original erwidert Violet, dass sie sich keinen Kopf darum machen soll. Auf deutsch hinterfragt sie wie in den ersten Folgen, warum sie sich entschuldigt, was ihre Entwicklung wieder zurückdreht.
Toll finde ich ansonsten aber, wie Violets fehlende Arme weiter in die Geschichte eingebaut werden. Nicht nur als Kriegsschaden, der die Schrecken in einen sonst einigermaßen friedlich gebliebenem Alltag sichtbar macht, sondern auch als Metapher für die Kriegsmaschine, die Violet einmal war und die sie hinter sich gelassen hat. Die Hände, die Menschen getötet haben, hat sie nun nicht mehr. Ebenfalls zementiert diese Folge mit der Parallele im Altersunterschied wohl auch für westliche Zuschauer, dass Gilberts „Ich liebe dich“ an Violet wirklich Liebe in romantischen Sinne meint und nicht etwas als Vormund oder in elterlicher Form. Im Original verwendet er das Wort „aishiteru“ für „lieben“, was im Japanischen streng reserviert ist für romantischen Kontext. In westlichen Sprachen ist das mit der Liebe nicht so scharf, hier man schließlich auch Kekse lieben.

Zweite Meinung:

Das Beste an der Folge ist wohl das Ende, die 20+ Minuten davor sind teilweise schwer anzusehen, da es nur so vor Kitsch trieft und keinerlei Spannung entsteht. Eine Prinzessin, die eine Haushälterin hat, welche für sie wie eine Mutter ist, ein Plot, den man schon hunderte Male gesehen hat, ebenso die Prinzessin, die einem Prinzen versprochen ist und natürlich lieben sie sich gegenseitig, denn Zwangsehen sind immer mit einem Happy End gesegnet. Violet macht zwar eine Charakterentwicklung durch, nur ist der Preis – eine unterdurchschnittliche Folge – recht hoch. Dass Violet erst 14 Jahre alt ist, finde ich nicht wirklich glaubhaft, aber so ist es häufig in Animes und dass Gilbert sich in Violet verliebt hat, ist mit der Ehe zwischen dem Prinzen und der Prinzessin nun auch legitim in dieser Welt. Bin mal gespannt, was Dietfried zu Violets neuen Händen sagen wird.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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