Violet Evergarden (Folge 3)

Ein Brief hat die Aufgabe die Gefühle des Absenders zu vermitteln. Dafür muss man die wahren Gefühle heraushören und sie in Worte fassen. In der dritten Folge von Violet Evergarden hat die titelgebende Heldin weiterhin ihre Schwierigkeiten dabei, doch macht sie langsam, aber sicher messbare Fortschritte.

Violet wird zur Schule geschickt, um eine anerkannte AKORA (orig. Auto Memories Doll) zu werden. Ihre Tippgeschwindkeit, Präzision und sprachliche Korrektheit setzen sie in den Bereichen alsbald an die Spitze ihrer Klasse. Doch als sie bei einer Übung einen Testbrief für ihre Mitschülerin Luculia schreiben soll, sind alle sprachlos über ihre gewohnt knappen militärisch geprägten Faktenauflistung. Als Luculia schließlich als Klassenbeste abschließt nimmt sie sich Violets an. Doch Unversehens vertauschen sich die Rollen…

Spieglein, Spieglein…

Violet geht weiter ihren Weg und diesmal verschlägt es sie in die Schule, die Erica und Iris bereits abgeschlossen haben. Wie man sich unschwer vorstellen kann, fällt Violet auch hier sofort auf. Wie Erica in der vorherigen Folge spiegelt auch Luculia sich ein Stück weit in Violet wieder, weswegen sie nicht recht von ihr lassen kann. Anders als Erica, die vielmehr mit einer depressiven Phase zu kämpfen hatte, zählt Luculia mehr zu einem dieser seltenen herzensguten und hilfsbereiten Menschen, die sich zu sehr um andere kümmert, bis ihr eigener Kummer sie erdrückt. Violet bewegt einmal mehr etwas im Leben einer Person ihres Umfelds, ohne es zu merken. Luculia stellt Violet die gleiche Frage wie einst Erica, warum sie überhaupt eine AKORA werden will. Aber sie hat eigentlich gar kein großartiges Interesse an der Antwort, sondern redet sehr bald nur noch von sich. Anders als Erica braucht Luculia brauchst keine Inspiration für ihr Tun. Sie benötigt das richtige Format, welches sie in Extremform in Violet findet: Keine blumigen Ausschweifungen. Kurz und bündig, konzentriert auf das Wesentliche, ist die Kommunikation von Gefühlen mitunter noch mächtiger, das ist die Lektion, die Luculia mitnimmt. Violet lernt derweil, wie man unter all den genannten Fakten wichtige von unwichtigen trennt.

Der Krieg hinterlässt Spuren

Die Handlung der Folge an sich ist simpel und zum Großteil auch ziemlich vorhersehbar. Der heimliche Held dürfte Luculias Bruder Spencer sein. Die Geschwister haben ihre Eltern im Krieg verloren und er kehrt zwar lebend zurück, aber mit einer Beinbehinderung. Arbeitslos versinkt er in einem depressiven Loch und fängt an zu trinken. Das gibt dem Setting, einem Land welches Jahre des Krieges hinter sich hat, trotz des Sieges einen passenden Unterbau. Leider bleibt er sehr oberflächlich. Spencers Trauma wird nicht wirklich aufgezeigt, seine Verzweiflung die Eltern nicht gerettet zu haben wird lediglich verbal umrissen und einige Minuten Laufzeit später, hat sich das Trauma auch schon wieder aufgelöst.

Visuelle Motive

Violets Feuermotiv hat auch diesmal einem Auftritt, als sie Spencer mit einer Laterne auffindet und den Brief übergibt. Ein weiteres findet sich in Verbindungen. Ausgestreckte Hände, die ergriffen werden oder verbunden werden durch die Briefe in ihnen. Das Panorama der Stadt vom Turm aus ist ein weiteres Verbindungsglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Luculia und Spencer verbindet es durch eine gemeinsame glückliche Kindheit, deren Verbundenheit sie zum Ende der Folge wiederfindet. Violet verbindet es mit Gilbert, der wünschte, ihr die Aussicht irgendwann zeigen zu können. Statt der Uhrenbilder gibt es diesmal im Wind flatternde Haare und Kleider, die sich als Motiv auch im Opening und Ending Sequenzen wiederfinden, die in dieser Folge das erste Mal veröffentlicht wurden.

Anne Shirley! (Anne aus Green Gables von Lucy Maud Montgomery, Anime-Version auch bekannt als Anne mit den roten Haaren). Äh, ich meine Luculia. Nach den europäischen Referenzen nun also auch eine eine auf ein literarisches Kulturerbe Kanadas? Oder liegt das einfach nur an Japan, wo man großer Anne Fan ist? Die Lehrerin hat auch gewisse Frau Rottenmeier (Heidi)-Qualitäten, im Deutschen klingt sie passenderweise noch sehr viel gestelzter als auf japanisch oder englisch… Abgesehen davon: Nennen wir es beim Namen. Die Folge ist ein ziemliches Kitschfest. Wenn man drüber zu lange nachdenkt, stellen sich einem die Nackenhaare leicht auf. (u.a. wieso Violet am Ende wegen eines einzigen Erfolgs nach zur Schau Stellung absoluter Defizite geschwind doch noch besteht.) Während des Schauens ist es noch halb so wild, da die Bilder, detailliert animierten Charakterreaktionen und vor allem der Soundtrack doch ein gutes Stück für Ablenkung sorgen. Gemessen an den zwei vorherigen Folgen aber doch eine schwache Folge, da es wie eine abgespeckte Variation der zweiten Folge wirkt. Mit dieser Folge haben nun auch die Opening und Ending Sequenzen ihr Debüt und beide sind von sehr bedachter, langsamer Natur. Womit sich meine Vermutung der ersten Folge erhärtet, dass diese Serie langsamer Natur sein wird. Hoffen wir einmal, dass der Kitsch dieser Folge nicht ganz so repräsentativ ist. Zumal der Kitsch leider in der Synchronisation durch die Übersetzung noch verstärkt wird. In allen Fassungen schließt Luculia zusätzlich damit ab, dass Violet ihr “Leben verändert hat”. Tatsächlich sagt sie in der japanischen Originalvertonung nur “Sie war ein etwas seltsames, aber wundervolles Mädchen”. Das ist dann schon deutlich weniger hochtrabend. Eines hat die Folge dann doch noch geschafft: Als von 200 Anschlägen pro Minute Tippgeschwindigkeit die Rede war, hat es mich doch sehr in den Fingern gejuckt, meine eigene auszutesten. (Hier z.B. kann man das mit mehreren Sprachen.) 200-400 ist der Durchschnitt bei geübtem Zehnfingerschreiben. Es liegt demnach nahe, das hier nur das normale Tippen gelehrt wird, keine Stenographietechniken. Letztere wäre eigentlich das, was man lernen sollte, wenn man so schnell schreiben möchte, wie Menschen sprechen. Allerdings die dafür verwendete Kurzschrift wohl kaum lesbar für das normale Volk.

Zweite Meinung:

Zu dieser dritten Folge kann man nun leider wirklich nicht viel sagen, es ist eine Schande, dass aus der so viel versprechenden Serie bereits nach zwei Folgen, die Luft raus zu sein scheint. Die Novel zur Serie umfasst zwei Bände und die Serie 14 Folgen, es war also abzusehen, dass es etwas an Füllmaterial bedarf, um die Handlung auf 14 Folgen strecken zu können und einem Studio wie KyotoAnimation traut man dies eigentlich auch zu, nur so recht geglückt ist es bisher nicht. Auf den ersten Blick macht Violet in dieser Folge zwar Fortschritte, aber wenn man nochmal genau hinsieht, dann war sie in einer Situation in der aus ihrem Handicap plötzlich ein Vorteil wurde. Es ist nicht zwingend so, dass sie sich verändert hat, es haben sich nur die Anforderungen an ihre Arbeit geändert. Positiv muss man trotzdem erwähnen, die Nebenfiguren bekommen etwas mehr Profil, wenn auch nur schleppend und die beiden verbleibenden Plüschtiere hatten wieder einen Auftritt, der Hund hingegen nicht, was mich gefreut hat.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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Ayres
Redakteur

Irgendwie nervt die Serie mich brutal und das liegt nur an Violets Charakter. Die Gute ist so konzipiert, dass sie so ein krasser unbedarfter Stereotyp ist, der seine eigenen Fähigkeiten weder kennt, noch einzuschätzen weiß. Auch storytechnisch backt die Serie kleine Brötchen. Dieses Brief-Issue ist sooo… Gnah.