Violet Evergarden (Folge 2)

“Du bist für diese Arbeit nicht geeignet.” In Folge 2 von Violet Evergarden dreht es sich alles um Kehrseiten von Worten. So lernt Violet in ihrer neuen Arbeit bei den Briefe verfassenden Auto Memories Dolls, dass es nicht ausreicht, die Worte der Hilfesuchenden direkt und mechanisch aufzuzeichnen. Denn die komplexen Gefühlstöne der Menschen einzufassen, bedeutet auch das Unausgesprochene und die menschlichen Widersprüche zu verstehen.

Enthusiastisch stellt Hopkins Violet ihrer neuen Abteilung, den Auto Memories Dolls (Autonome Korrespondenz Assistentinnen) vor, diese besteht aus den drei Frauen Cattleya, Iris und Erica. Geleitet wird diese Mannschaft von Cattleya. Während, die in allen Instanzen unerfahrene Violet wenig überraschend von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt, hat vor allem Erica mit einem eigenen Problem zu kämpfen.

Violets Werdegang ist eine Reise der Emanzipation..

Violets Motiv des Brennens hat auch in dieser Folge wieder einen unaufdringlichen Auftritt, als sie in ihrem Zimmer bei Öllampenlicht allein das Tippen übt. Ihr brachiales Verhalten außerhalb des Zimmers brennt allen guten Bemühungen zum Trotz eher alles nieder. Doch so unzufrieden alle auch sind, fassen sie Violet mit Samthandschuhen an. Besonders für Hopkins ist sie sein Protegé, den er vehement pushen möchte. In der ersten Folge sieht man wie er mit buchstäblich blutunterlaufenen Augen Violet ein Plüschtier aufdrängt. In dieser Folge stellt er sie über alle maßen enthusiastisch den Auto Memories Dolls vor und trotz aller Kundenkritik scheut er sich davor mit Violet Tacheles zu reden. Er behandelt Violet wie ein Kind, weit entfernt von Vollmündigkeit. Was sich wunderbar in den Plüschtieren zeigt: Violets Hund liegt immer noch mitten im Zimmer auf dem Boden, vollkommen fehl am Platz, so wie sie noch ihren Platz finden muss. Währenddessen haben das abgelehnte Katzen- und Hasenplüsch sogar einen prominenten Platz auf Hopkins Direktorsschreibtisch gefunden, als ob er von seiner Bevormundung einfach nicht ablassen kann. Doch damit macht er nicht viel anders als es Gilbert vor ihm tat, der über Violets Kopf hinweg entschied sie von den Evergardens adoptieren zu lassen. Oder gar dessen Bruder, der Violet sogar ihre Menschlichkeit aberkannte. Sie alle bringen ihr kein Vertrauen als vollwertigen Menschen entgegen.

… und der Inspiration

Doch schneller als die Erwachsenen es ahnen lässt Violet mit kleinen, aber stetigen Schritten ihr primitives Ich hinter sich. Ihr Anliegen, zu verstehen und zu lernen ist ein ganz anderes Brennen, als das, was Hopkins ihr in der ersten Folge eröffnete. Es ist das Lodern einer Passion, ein Greifen nach der Welt, die sie soweit nur mit ihrer treudoof ehrlichen, kompromisslosen Art zeigen kann. Für viele ist es nur anstrengend und unverständlich. Doch für andere ist gerade diese unbedarfte, ungekünstelte wie unverdorbene Art die Inspiration, die sie brauchen, um ihrem düsteren Leben Licht einzuhauchen. Erica ist ein Wesen im Schatten. Im Schatten ihrer eigenen Zweifel, die sie in einem Frame sogar einsperren. Die einzige Szene, in der sie im Licht steht ist bei Violets Vorstellung im Team. Als Kontrast zu Violet, die auch viel im Schatten der Räume verbringt, hat sie noch einiges an Vorsprung. Doch Violet tritt immer öfter heraus. Jedes Mal, wenn ihre eigenen Gefühle hervorsickern, steht sie im Licht. Am Ende ist es buchstäblich so gleißend, dass sie in Erica ihre erste Unterstützerin findet, die sie nicht wegen ihres Beschützerinstinkts, sondern ihrer Person wegen unterstützt. Bemerkenswert ist auch, dass Erica am Ende nicht dauerhaft in Violets Licht ein gesogen wird. Im Gegenteil, sie bleibt weiterhin im Schatten und das Licht wird ihr sogar ausgemacht. Doch dafür erstrahlt umso heller die gleißende Uhr, deren Zeiger einen Fortschritt zeigen. Violets Weg wird hier nicht nachgemacht. Er bleibt ihr eigener. Doch das bedeutet nicht, dass sie in anderen nicht auch etwas bewegen kan, bzw. den Glauben schenkt, dass sie sich bewegt, denn tatsächlich bewegt sie sich fortlaufend, symbolisiert durch das bislang durchziehend wiederkehrende Uhrenmotiv. Sei es die Uhr in Hopkins Büro am Ende der ersten Folge oder die Uhr im Auto Memories Dolls Büro, als Violet zum ersten mal tippt oder kurz darauf eine andere Uhr die Mittagspause ansagt.

Realistisch präsentierter Arbeitsplatz

Auf den ersten Blick sieht diese zweite Folge visuell weit aus weniger überwältigend aus, als die erste, bei der das Regie- und Animationsteam von der ersten Sekunde bis zur letzten alle Register gezogen hatte. So finden sich hier viele stille Szenen, die augenscheinlich ohne viel Bewegung, manche bei denen nur die Hintergrundmusik für Spannung zu sorgen weiß. Bei genauerem Betrachten sind jedoch auch diese Szenen alles andere als wenig animiert. Es sind lediglich in großer Mehrheit sehr banale Aktivitäten, die von einem unspannenden Alltag sprechen, ebendas, was Iris in der Folge selbst kritisiert. Vor allem wartet die Folge mit einer nicht kleinen Menge an taktvollen, sprachlosen, ratlosen bis hilflosen betretenen Schweigen auf. Ein Anliegen des Produktionsteams Kyoto Animation war es, die Serie ein wenig in der Realität zu verankern. Die vielseitigen Reaktionen der vergraulten Kunden und der leicht missmutigen Arbeitskollegen verleihen dem zusätzliche Authentizität, dass es sich um einen Ort handelt, der die Bezeichnung “Arbeitsplatz” verdient.

Violet goes Saber (Fate/stay night) x Spock (Star Trek). Ich gebe zu, ich habe ja fast schon nur aufs Wörtchen “Logik” gewartet. Ich kann mir gut vorstellen, dass Violet für nicht wenige diesmal höchst anstrengend sein mag. Wer aber den zweiten Trailer gesehen hat mit dem Gesichtsausdruck, mit dem sie einem hilfsbereit anlächelt, weiß, dass sich das noch ändert wird. (Man beachte u.a., wo sich der Plüschhund dort befindet!) Und ich bin doch zuversichtlich, dass das ein gutes Stück vor der letzten Folge passieren wird, da sich bereits in dieser Folge einiges unterschwellig getan hat, mehr als ich erwartet hätte. Ansonsten ist für die des Deutschen mächtigen die Namensgebung manch einer Lokalität ein wenig zum Stirnrunzeln. Nach der Stadt “Leiden” in der letzten Folge gibt es nun ein “Leidenschaftlich” mit Hafen “Stimmer” darin. Ein klein wenig ein Fall von Lost in Translation ist dieses Mal das japanische Wort “Urahara”, das in allen Sprachversionen als Widerspruch übersetzt wird. Zusammengesetzt aus den Zeichen für “Rückseite” und “Bauch” beschreibt das Wort genau den Umstand, wenn man das Gegenteil von dem sagt, was man eigentlich meint. Das ist ein Wort, das in den meisten westlichen Sprachen nicht existiert und damit auch nicht direkt übersetzbar ist. Die deutsche Synchronisation geht sogar die Extra-Meile, diese Bedeutung zu erklären, wenngleich auf Kosten der anderen vorangehenden Dialogzeilen, in der Cattleya über die menschliche Schwäche spricht, andere der eigenen Selbstbestätigung willen stets testen zu wollen. Was ich persönlich etwas schade finde. Damit geht der Bezug zu dem Motiv der Kundin, um die es unmittelbar davor geht, verloren. Und so explizit wie Cattleya es Violet bereits erklärt, ist Violet am Ende der Folge doch ein wenig zum Seufzen, als sie auf dem Widerspruch Ericas rumreitet. Im Deutschen versteht sie es selbst, mit konkreter Lehrstunde immer noch nicht.

Zweite Meinung:

Bin mir noch nicht ganz so sicher, was ich von Violet Evergarden halten soll. Vieles macht den Eindruck einer durchweg kalkulierten Serie, bei der man an alles gedacht hat, um auch eine weltweite Zuschauerschaft abzuholen. Aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail und im Detail hat die Serie einiges zu bieten, ob nun auf einer rein optischen Ebene oder einer inhaltlichen Ebene. Es lohnt sich jede Folge, zweimal zu schauen. Einmal, um sich von der Optik und der musikalischen Untermalung berauschen zu lassen und einmal, um sich auf die Suche nach all den Metaphern und verstecken Anspielungen zu machen. Betreffend der Plüschtiere denke ich, dass innerhalb der Serie alle drei den Weg in Violets Bett schaffen werden, weshalb der Hase und Katze noch in Hopkins Büro verweilen. Sie würden schön Violets Entwicklung symbolisieren. Vom sklavischen Leben als Hund, zum Leben als vollwertiger Teil der Gesellschaft, symbolisiert durch den im Rudel lebenden Hasen, zum Leben einer unbeugsamen Katze, als selbständige und selbstbestimmte Frau.

Dritte Meinung:

Violet Evergarden schafft es, auch in der zweiten Folge zu überzeugen. So ist die Serie auch weiterhin Balsam für Augen und Ohren. Es ist mir nur noch nicht klar, in welche Richtung das Ganze gehen wird. Auf jeden Fall denke ich, dass Violet mit der Zeit menschlicher wird. So wirklich viel hat man von Violets Vergangenheit noch nicht gesehen. Ich bin auch gespannt, wie die Nebencharaktere hier ausgearbeitet werden. Schließlich dürfte sie durch ihre Arbeit auch täglich mit ihnen zu tun haben. Ob man auch mit Romantik rechnen kann? Mit Gilbert wird es ja leider nichts mehr. Bisher verläuft der Anime recht ruhig, wenn ich von Violets lauten Tippern an der Schreibmaschine absehe. Ich könnte mir vorstellen, dass sie noch für den einen oder anderen Ärger sorgt. Was schade ist, die zweite Folge kam auch ohne Opening. Dafür gab es immerhin einen Ending Song von Minori Chihara, die vielen durch ihre Sprechrolle als Yuki Nagato in Die Melancholie der Haruhi Suzumiya bekannt sein dürfte. Ansonsten schließe ich mich Lunas Meinung an, was die Namensgebung von Lokalitäten angeht. Bei ”Leiden” als Stadtname musste ich schon grinsen. Mit ”Leidenschaftlich” wird es noch extravaganter. Allerdings gibt es auch in Deutschland tatsächlich seltsame Namensgebungen, die erst Recht Stirnrunzeln verursachen könnten. Ich meine Orte wie Hundeluft, Katzenhirn, Sommerloch und Drogen, daher sind die gewählten Worte in Violet Evergarden noch vollkommen in Ordnung.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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Ayres
Redakteur

Schließe mich Oldboy an: Die Serie wirkt leider knallhart durchkalkuliert um auch wirklich jede Sympathie für Violet abzufangen. Leider ist sie für mich bislang nicht mehr als ein hilfloser Saber-Klon ohne Ecken und Kanten. Vermutlich geht es jetzt noch so gemächlich zu, damit es später so richtig dramatisch werden kann.
Wenn man mal von den hübschen Charakterdesigns absieht, bleibt da fürs Erste nichts weiter als gepflegte Langeweile.